Auszug...

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In der Früh trommelte es, zuerst sehr stark, dann verflüchtigte sich der Regen, mein nasser Felsen, die Morgensonne angenehm mild, mir träumte es, der Trompeter, die Klänge seiner Trompete angenäht an meinem Körper, es wurde plötzlich warm vom Fischgeruch und wir spuckten den Sand aus, entblößten die Magie der Trompete, das Entkommen war nicht mehr möglich, am nächsten Tag zerreißen die Trompetenklänge die Luft und der Tag verwandelte sich in die Nacht. Entflortes Vergehen wie Fisch ins Wasser mit durchgebogenem Kreuz, so Mayröcker, und sie weinte und ich...wir weinten lange zusammen, Kopf an Kopf angelehnt... Wann sehen wir uns wieder, und der Trompeter sagte, wenn du dich ganz in Schwarz anziehst und in deine Haare Trauerkränzchen einflechtest und ich begann Trauerkränzchen in meine Haare einzuflechten...

Der verkehrte Julitraum

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Immer wieder der gleiche Wunsch, dass es keine Veränderungen, keine Verbesserungen, keine Verschlechterungen mehr gibt, in Ruhe gelassen zu werden, mit den trächtigen Gedanken, die endlich mal Briefe zur Welt bringen können...mitgerissen, mitgefangen und überschätzt...

Ein bisschen flirten, nichts Ernstes, Spaß haben und das war schon alles, keine Gedanken machen und es entwickeln lassen, sich mitziehen lassen, wie froh ich bin, meinen alten Schrank öffnen zu können und die Sachen aus ihm heraus sortieren zu beginnen. Kein Teil des Spaßes sein zu wollen, mir doch Gedanken zu machen, und Selbstgespräche darüber, dass es anders nicht geht. Nicht mit schwimmen, Angst und Unsicherheiten nicht mit schwimmen zu können...der verblasste, tote Marienkäfer auf dem Teppich, ich befahl noch dazu meiner Tochter, ihn in Ruhe lassen zu müssen, ihn nicht quälen zu dürfen, und ihn trotzdem leblos, blass und ohne Bedeutung für die Umwelt auf dem Teppich gefunden zu haben, mit ausgestreckten, leblosen Flügeln...so tot ist der Marienkäfer...für immer tot, nicht wie im Film...

Die singende, tiefe, weibliche Stimme einer Schwarzafrikanerin aus einer der benachbarten Wohnungen ertönt  und rundet den schwulen Sommerabend ab, Kinderschrei zugleich und ein lautes Gespräch zwischen zwei Nachbarn im Hof, das Knattern eines Automotors wegen des falsch eingelegten Gangs und dann plötzlich Stille...die  unerträgliche Stille.

Kein Auge zumachen zu können an heißen Julitagen und weit weg von dem Alltag, wissend, sehr wohl wissend, dass sich dieser Luxus des Nicht-Schlafen-Wollens rächen wird...der misslungene Versuch, sich mit den anderen Menschen zu identifizieren, die sterilen Gespräche führen zu müssen, mitsprechen, mit lachen, mitgehen, passende Gläser aussuchen und Wein einschenken, nichts anmerken lassen, anderen gut zuhören, damit nicht bemerkt wird, dass man abwesend ist, seit langer Zeit eigentlich abwesend,...aber man ist dabei, denn wen kümmert das, die Abwesenheit, es merkt ja keiner was...die Julistille...

Die Spuren der kurzfristigen, selbst auslöschenden Liebe auf der Parkbank, die mikrokosmischen Dinosaurier, die schon längst aus unseren Köpfen verschwunden sind und niemanden mehr befruchten können, die Verwunderung eines Bankangestellten in heißer Julinacht, die Ohnmacht des Ausgeschiedenen, und sich dem Bedürfnis nicht entziehen zu können, schreiben zu müssen, alles aufzuschreiben, jeden Augenblick, einen Stift und ein Blatt Papier immer dabei zu haben, die Stiftsucht...

Und während ich nicht da bin, denke ich an das Meeresrauschen...

Sonnenuntergang über Gamlitz (und der sternenklare Himmel über St. Marein)

Hin und wieder rate ich

In welche Richtung sich die Erde dreht.

Ob sie dabei zuckt? Oder kommt es mir nur so vor.

Und während sich meine Pupillen immer mehr ausdehnen,

kommt mir die Sonne entrüstet entgegen

und

Wir steigen schweigend die Weinstraße hinunter

In die Gärten.

Mitten in den gelbgrünen Weinbergen flüchtet die Zeit

Rückwärts.

Heute habe ich mir vorgenommen

den Sonnenuntergang über Gamlitz aufzuhalten.

Isabella-Trauben tröpfeln in den Nabel und runden den Geschmack

des für immer schwindenden Tages ab.

Auf der Handfläche wachsen die trächtigen Weintrauben

Erinnern an

Brüche der Nacht im schwingenden Schweigen der Hände.

Nachtverbündete wecken die Düfte

des schwankenden Weins im Glas.

In den Rachen

Bläst der dreihundertjahre alte Flaschengeist die Leere.

Am milchigen Hals Spuren des eisigen Atems

Zeugen

Die Angst leuchtet wie

Einst der sternenklare Himmel über St. Marein.

 

E.S.

Ausgestreckte Hände

Auch ich drehe meinen Kopf weg.

Stiefel und Schuhe

Treten den verschneiten Asphalt.

Bunte Tragtaschen.

Schwingen vor den Augen.

"Frohe Weihnachten" singen

ausgestreckte, halb gefrorene Hände.

Handys und Geschenke, lachende

Gesichter

Übertönen den fast hörbaren Gesang.

Leuchtende Christkinder hängen über der

Stadt

Und als Zeugen der Zeugen während der

Einkaufstour

öffnen ferngesteuert ihren Mund und

erbrechen das lautlose Wort:

Wunder!

Auch ich drehe meinen Kopf weg und

denke an nichts dabei.

 

E.S.

 

Der Traum

Aber dieser Traum lässt mich vergessen,

alle Erwartungen und Pflichten,

die  mit der Zeit in mein Leben durchsickern.

Wie eine Schlucht, die mich mitnimmt und alles verschlingt,

alte Gesichter und Zeichen.

Er verwischt alle Grenzen meiner Gedanken über Freiheiten,

als ob er sie beleben würde.

Die balsamierten Freiheiten auf dem Tisch neben der grünen Pflanze.

Zwischen dem Bücherregal und dem fleischfarbigen Sofa

tauchen neue Zeichen der Zeit, wie aus dem roten Spiegel

fließen sie auf das weiße Papier hervor.

Dieser Traum lässt mir nur so viel Zeit, wie viel es mir von ihr bleibt.

 

Die Presse ( Wolfgang Freitag)

(...)Am selben Tag setzt sich 40 Straßenkilometer weiter im Westen die aus Bosnien stammende Autorin Emina Saric mit einem Bezirkspolitiker an einen Tisch, einem der hiesigen Heimatspezialisten von eigenen Parteiplakatgnaden: „Herr Markus Wallner, Bezirksparteisekretär der FPÖ, Junglandwirt und von Beruf Bauarbeiter, lebt auf dem Ilgenberg bei Donnersbach. Ich treffe ihn in der Gemeinde Donnersbach, Herr Bürgermeister Karl Lackner stellt ihn mir vor. Herr Wallner ist jung, ich schätze 23 oder 24 Jahre alt. Stolz, wie man nur in diesem Alter stolz sein kann, tritt er ins Büro und grüßt. Sein ordentliches, kariertes Hemd und seine Lederhose verstärken einen heiteren Ausdruck in seinen blauen Augen. Ich sage ihm, dass ich von ihm keine politischen Statements brauche, sondern seine persönliche Meinung zum Thema Herkunft und Fremdsein.“

Und die bekommt Emina Saric, in den absehbaren Bahnen: In der Fremde solle man sich jener Kultur anpassen, in der man lebe, die Sprache erlernen, die Sitten annehmen. Und damit nicht genug: „Die Ausländer sollen, auch wenn sie untereinander sind, die Sprache der Länder sprechen, in denen sie sich aufhalten. Es sollte nicht vorkommen, dass sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten.“ Der Grund: Er, Wallner, habe „immer ein unangenehmes Gefühl, wenn zum Beispiel Jugoslawen sich in ihrer Sprache unterhalten“: „Dann weiß ich nicht, wovon sie sprechen, man fühlt sich unwohl und unsicher. Das sollte meiner Meinung nach nicht vorkommen.“

Emina Saric hakt nach: Was würde Herr Wallner wohl machen, wenn er beispielsweise aufgrund einer drohenden Naturkatastrophe nach Frankreich auswandern müsste? Nach einigen Umwegigkeiten versucht sich Wallner doch noch in Konsequenz: „Ich würde schauen, dass ich Französisch lerne, mir eine Arbeit finde und mich integriere.“ Womit sich Saric nicht zufriedengibt: „Und in welcher Sprache würden Sie dann in Frankreich mit Ihrer Mutter sprechen?“, fragt sie. Und hält fest: „Herr Wallner zögert mit der Antwort und schaut mich mit seinem milden, aber Hilfe suchenden Blick an: ,Na ja, unter uns würden wir französisch sprechen . . .‘“ Wer könnte ihm das glauben? Wahrscheinlich nicht einmal er sich selbst. Und vielleicht ist dem Herrn Bezirksparteisekretär genau das in diesem Augenblick sogar bewusst geworden.

Ein kleiner Donnersbacher Debattentriumph? Nicht für Saric. Sie zitiert den rumänischen Schriftsteller Alexandru Vona: „Ich achte immer mehr auf meinen eigenen Gesichtsausdruck als auf den meines Gesprächspartners, und doch kann ich über mich selbst kaum mehr sagen als das, was sich in den Augen des anderen spiegelt.“ Es ist genau diese stete Bereitschaft zur Selbstreflexion, die sich durch viele Beiträge des Projekts „Fremdsehen“ zieht. Dazu passt, was Emina Saric ihrem Blog als Motto vorangestellt hat: „Fremde sind wir uns selber.“

Wer also unter „Fremdsehen“ eine Freak-Show hiesigen Provinzialismus erhofft, wird enttäuscht werden. Nicht weil es diesen Provinzialismus womöglich gar nicht gäbe (den gibt es, und zwar so gut wie überall, auch mitten im Urbanen, nicht nur im steirischen Inneralpin). Sondern weil die Nachforschungen, die hier angestellt werden, viel zu aufrichtig sind, als dass sie sich auf exotistische Skurrilitäten und leichtfertige Schuldzuweisungen beschränkten. Nicht das Pathos des Missionars, sondern die Neugier treibt die 14 Gäste an: eine Neugier, die sich gleichermaßen an die unbekannte neue Welt rundum wie an die eigene Fähigkeit richtet, mit dieser zurechtzukommen.(...)

 

http://diepresse.com/home/ spectrum/zeichenderzeit/58 3238/index.do

 

Eine Reisende, der niemand ihre Herkunft ansieht...

Ein Liegestuhl. Am Balkongeländer.
Neben ihm ein Aschenbecher, Rote Gauloises .
Daneben Deleuze. Kafka. Mayröcker. Abschiede.
Sie legt sich auf den Liegestuhl, nimmt Abschiede usw.
Ihr Blick streift und endet in der grünen Baumkrone.
In Gedankenakrobatik.
Fluchtkomponenten vermehren sich durch den Abendwind.
Sie bleibt am Bahnhof stehen. Neben dem blauen Bus.
Flackernde Menschenmasse riecht nach Schrecken.
Bange blinzeln ihre Schlotteraugen.
Der Kater steht müßig auf und macht eine Schnupperrunde auf dem Balkon.
Klettert auf den Balkontisch und nistet sich da wieder ein.
Sie steigt in den blauen Bus ein. Trägt eine kleine Reisetasche mit.
Man sagte ihr, die Reise dauert nicht lange. Die Abwesenheit des Lebens usw.
Darin Unterwäsche, Kleidung und ein kroatisch-deutsches Wörterbuch.
Menschenmasse riecht nach Schweiß und heulendem Sliwowitz.
Sie blickt durch das Fenster des Busses.
Eine halbleere Kaffeetasse liegt auf dem Balkontisch, daneben ein roter Nagellack.
Der Kater spielt mit Lavasteinen. Die brennende Zigarette...
Sie fängt seinen Blick. Der Vater steht neben dem blauen Bus und winkt.
Er winkt nur. Sie sucht seine grauen Pupillen, den letzten wortlosen Blick.
Den letzen Blick fängt sie. Im Blick der blaue Bus. Keine Tränen.
Es gibt keinen Platz für Tränen im Heulen von Sliwowitz.
Eine Ameisenkolonne macht sich einen Weg auf den Balkonfliesen.
Krabbeln übereilig. Die einen gehen. Die anderen kommen.
Sie hebt die Hand und lehnt sie ans Fensterglas.
Die Hand schwitzt und klebt am Fenster. Unbeweglich. Unbehaglich usw.
Das letzte Knattern des blauen Busses.
Zum letzten Mal sinkt der graue Provinzhimmel herab. Auf die Wimpern.
Zärtlicher Abendwind stottert in ihrer Sprache usw.


E.S.